Autorin: Prof. Dr. Yvonne Schleicher Diercke360° 2/2009 M 2 Betroffene aus der Region Alberta erzählen l Jennifer Grant, Mitarbeiterin am kanadischen Umweltinstitut in Calgary „Fauna und Flora werden durch den Abbau von Ölsand komplett zerstört. Es fängt mit dem Kahlschlag der Wälder an. Die Feuchtgebiete werden trockengelegt und danach wird die oberste Erdschicht abgetragen. Die ursprüngliche Natur wird in großflächige Mondlandschaften verwandelt. Hier werden täglich 1,3 Millionen Barrel Öl gewonnen. Für jedes Barrel Öl benötigt man die 3- bis 6-fache Menge an Wasser. Die Hauptwasserquelle dafür ist der Athabasca River – und das ist ein riesiges Problem. Das Land braucht unbedingt eine Alternative für diesen Wasserverbrauch, doch nach neuesten Forschungsergebnissen ist hier keine zeitnahe Lösung in Sicht. Der Ölboom selbst hat aber gerade erst begonnen. Was in den Industrieanlagen geschieht, gleicht einer Hexenküche: heißes Wasser, Chemikalien und Zentrifugen zerlegen den Sand in Teile. Zurück bleiben krebserregende Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle. Die Rückstände bei der Gewinnung von synthetischem Rohöl sind so giftig, dass man sie nicht in den Fluss zurückleiten kann, sondern diese Giftbrühe in oberirdisch offenen Auffangbecken sammelt. Die gesamte Fläche der Auffangbecken bildet heute den größten Staudamm der Welt. Dieser Giftmüll ist eine tickende Zeitbombe. Fachleute schätzen, dass täglich 12 Millionen Liter dieser hochbelasteten Abwässer ins Grund- wasser und den Athabasca River sickern.“ Umweltberater von Shell Albian Sands (Ölfirma) „Hier in Alberta kennt der Ölrausch keine Pause. An 365 Tagen im Jahr wird rund um die Uhr gearbeitet. Die weltweit größten Vorkommen an Ölsand sind ein großes Geschäft. Mit der Preisexplosion der letzten Jahre werden die Investitionen unserer Firmen rentabel und die Förderung im Tagebau kann weiter ausgebaut werden. Hier lagern 174 Milliarden Barrel Öl – verteilt auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie Bayern. Das Geschäft hat nichts zu tun mit normalen herkömmlichen Ölquellen, aus denen man das Öl abpumpt. Das entstandene Öl versickerte hier im losen Erdreich, deshalb ist die Förderung wesentlich aufwendiger. Das schwarze Gold liegt nicht an der Erdoberfläche sondern es beginnt in rund 30 Meter Tiefe. Zu unseren Abbauplänen gehört auch die Planung der Rekultivie- rung der Flächen, so dass wir an den gleichen Stellen in ca. 30 Jahren wieder natürliche Landschaften vorfinden können. Die gigantischen Industrieanlagen und die weltweit steigende Nachfrage nach Rohöl zeigen: Wir müssen hier weitermachen und die großen Investitionen kommen erst noch auf uns zu. Natürlich nehmen wir dabei die Sorgen der Menschen sehr ernst.“ bearbeitet von: COPY Melissa Blake, Bürgermeisterin von Fort McMurray „Wir sind hier das Epizentrum des Ölbooms. In den letzten zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl von Fort McMurray verdoppelt. Menschen leben am Rande von Fort McMurray in Wohnwagensiedlungen, und das auch im Winter bei – 50 °C. Mein Job ist hier völlig anders als der von einem Bürgermeister in anderen Städten. Die traumhaften Zuwachsraten und der Ölboom haben aber große Herausforderungen mit sich gebracht: Wir brauchen hier z.B. nicht nur eine neue Straße, sondern gleichzeitig zehn. Wir brauchen auch kein normales Krankenhaus, sondern eines für 100 000 Menschen. Ein riesiges Problem für die Menschen ist die Wohnungsnot: Wir haben nicht genügend Wohnungen für alle Ölarbeiter. In unserem Klima ist das provisorische Leben auf dem Camping- platz im Wohnwagen äußerst belastend. Um die Wohnungsnot zu lindern, werden jährlich 1600 neue Häuser gebaut. Proble- matisch ist dabei der Anstieg der Immobilienpreise: In 5 Jahren stieg der Wert einer Immobilie von 100 000 auf 600 000 Dollar. Trotzdem findet jedes Haus in Kanadas teuerstem Ort einen Käufer. Wer nicht so viel Geld ausgeben kann, lebt auf dem Campingplatz oder wie derzeit 20 000 Menschen in schuh- schachtelgroßen Zimmern in den Container-Camps der Ölfirmen. Und das Wohnungsproblem wird sich noch verschär- fen. Wenn der Ölboom anhält, wird die Stadt in den nächsten Jahren auf 200 000 Einwohner anwachsen, denn die Gehälter in der Ölbranche sind astronomisch. Hier verdient man durch- schnittlich 100 000 Euro im Jahr. Das ist doppelt so viel wie im übrigen Kanada. Keiner will hier mehr als Kellner, Elektriker oder Arzt arbeiten. Alle wollen schnell zum großen Geld kommen.“ Abholzung der borealen Nadelwälder für den Ölsandabbau
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