Diercke 360

Autorin: Prof. Dr. Yvonne Schleicher Diercke360° 2/2009 Betroffene aus der Region Alberta erzählen ll Andrew Devow, Mechaniker bei einer Ölfirma in Fort McMurray „Heute bin ich 30 Jahre alt. Wenn mein Job hier so weiter läuft, setze ich mich mit 40 zur Ruhe. Dann gehe ich heim und kaufe mir mein Haus – und das zahle ich „cash“ (in bar). Hier leben wir alle nur um Geld zu machen, dieser Ort wird nie unser Zuhause sein. Viele von uns waren vorher arbeitslos wie Gary Tucker, der als Hochseefischer aus Neufundland kam. Er ist schon zwei Jahre hier und will noch vier Jahre dranhängen, dann ist Schluss.“ Dr. Kevin Timoney, Experte für Umweltgifte Dr. Timoney wurde von Big Ray Ladoucer, Stammesältester der Nachfahren der Cree aus Fort Chipewyan, zu Hilfe gerufen. Der Ort Chipewyan hat heute 1200 Einwohner, die meisten davon sind Nachfahren vom Stamm der Cree. Bei ihnen nimmt die Zahl rätselhafter Krebserkrankungen zu. Normalerweise stirbt von 100 000 Menschen einer an Gallengangskrebs. Hier sind schon fünf Einwohner daran verstorben. Unlängst ein 28-Jähriger. Dr. Timoney informiert sich beim Stammesältesten über die Stimmung in der Gemeinde. Die Natur gilt den Bewohnern als heilig. Auf den ersten Blick ist auch alles intakt: Sie leben vom Fischfang und der Jagd. Seit sich die Industrie am Athabaska angesiedelt hat, ist die Natur aus den Fugen geraten. Die Umweltverschmutzung bereitet den Menschen große Sorgen. Sie haben Angst Fisch zu essen. Um die genauen Zusammen- hänge herauszufinden, entnimmt Dr. Timoney bei jedem Besuch Wasserproben aus dem Fluss. Im Mündungsdelta, wo der Athabasca River sehr flach und langsam wird, lagern sich viele Stoffe ab – genau dort, wo die Fischer ihre Netze ausle- gen. Immer häufiger fangen sie Fische mit den unterschied- lichsten Deformationen: dicke Buckel, große Augen, schiefem Skelett und anderen Anomalien. Dr. Timoney, der Experte für Ölraffinerie in Fort McMurray bearbeitet von: COPY Umweltgifte, vermutet einen Zusammenhang zwischen den Fischen und den Krebsfällen. Die Quecksilbermenge in den Zandern der Athabasca-Region ist seit den 1970er-Jahren angestiegen; eine gute Erklärung dafür ist die Industrie. Das zuständige Gesundheitsamt hat angeordnet, den Verzehr von Zander einzuschränken. Den Ökologen interessieren nicht nur die Statistiken, sondern vor allem die Menschen und deren Beobachtungen: Sie beobachten die Zunahme von Fischen mit großen Köpfen und anderen Anomalien. Was macht die Fische krank? Das Quecksil- ber oder anderen Gifte? Die Fische sind ein klarer Beweis für die fortgeschrittene Umweltzerstörung. Die Ölindustrie kümmert sich nicht darum, dass in Fort Chipewyan Menschen sterben. Die kanadische Regierung verdient am Ölboom und die meisten Menschen in der Welt ahnen überhaupt nicht, was hier passiert. Dr. Timoney hofft, dass die Weltgemeinschaft ihr Öl woanders kauft, wenn sie merkt, was hier passiert. Wissenschaftler an der Universität Alberta „In unseren Forschungsprojekten beschäftigen sich die Forscher mit drei großen Problemfeldern des Ölsandabbaus in Alberta: dem Wasserverbrauch, den Abwässern und den Abgasen der Industrieanlagen. Statt die Abgase und damit auch die Treibhausgase mehr oder weniger gefiltert über Schornsteine in die Luft entweichen zu lassen, wird versucht, sie unterirdisch in Kohleflözen zu deponieren. In komplizierten Laborversuchen lassen sich Abgase in Kohle pressen. Die Technik zur Lösung der Umwelt- probleme wird voraussichtlich erst in 10 bis 20 Jahren für die Ölindustrie in der Praxis anwendbar sein. Die Kosten dafür sind enorm hoch. Die Rückgewinnung von Wasser aus dem Restschlamm soll zur Reduzierung des Frischwasserverbrauchs in der Ölindustrie beitragen. Nach Laborversuchen zeigt sich, dass das nach Filterprozessen extrahierte Wasser sauber genug ist, um es in den Produktionsprozess zurückzuführen. Auch wenn heute schon zwischen 80 und 90 Prozent der Abwässer recycelt werden, sind die Restschlammmengen dennoch enorm: Täglich fließen 200 Millionen Liter in die oberirdischen Auf- fangbecken. Die Forschung sucht nach einer Antwort auf die Frage: Wie kann das Bitumen mit so wenig Wasser wie möglich aus dem Ölsand rausgewaschen werden? Eine Produktion ohne Wasser wäre revolutionär und würde die Abwasserbe- cken überflüssig machen. Im Rahmen der Grundlagenfor- schung im Nanobereich suchen die Wissenschaftler nach Lösungen für verseuchtes Wasser und verseuchte Böden – gefunden sind sie noch nicht.“ Quelle: Gerisch, C. und Scheele, B.: Öldorado in der Wildnis. Kanada investiert in Ölsandfelder. ZDF, Abenteuer Wissen vom 25.2.2009.

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