Natürlicher Landschaftswandel Noch vor wenigen Jahren machte man sich über alle diese Phänomene kaum Gedanken. Man lernte die Welt als eine fest gefügte Konstante oder als im Gleichgewicht befindlich kennen. Nun scheint Vieles aus den Fugen geraten zu sein, und das Problem des Wandels beherrscht nicht nur die wissenschaft- liche, sondern auch die öffentliche Diskussion. Der neue Diercke Atlas liefert sehr viel Material, die in der Öffentlich- keit präsenten Probleme zu versachli- chen. Dazu gehört ein weiterer beson- ders wichtiger Aspekt, der sich im Diercke erkunden lässt: Landschaftswan- del wird keineswegs nur durch Industria- lisierung und Deindustrialisierung ausgelöst, sondern ist ein stets präsentes Phänomen. In den letzten Jahrtausen- den kam es zu dramatischen Klimaverän- derungen ohne jeglichen Zusammen- hang zur Tätigkeit des Menschen. Vor 18000 Jahren waren große Teile Europas und der Erde von Eis bedeckt (79.2 und 236.2, 63.2), Laubwälder auf kleine Gebiete begrenzt, der Meeresspiegel um über 100 Meter abgesunken, so dass die Umrisskarte von Europa anders aussah als heute. Mit der Eisbedeckung und -entlastung über Nordeuropa war eine erhebliche Veränderung der Küstenli- nien der Ostsee verbunden (29, 25). Das „El Niño“ genannte Witterungsereig- nis tritt natürlicherweise auf (189.2); man diskutiert aber darüber, ob Stärke und Häufigkeit solcher Ereignisse durch menschliches Handeln auf der Erde gefördert werden. In der Karibik gab es immer schon Hurrikans wie „Katrina“ im Jahr 2005 (197.2, 155.2). Intensität und Häufigkeit solcher Wirbelstürme könnten infolge des prognostizierten Klimawandels zunehmen. Gewaltige Zer- störungen, Deich- und Dammbrüche können mit solchen Witterungsereignis- sen zusammenhängen. Auch in lange zurückliegender Vergangenheit gab es stets das Phänomen Landschaftswandel. Das lässt sich an der Kontinentaldrift (224, 174) oder auch an verlassenen Fluss- schlingen deutlich machen (15.3); sie sind heute trocken gefallen, während der Fluss eine neue Bahn gefunden hat. Man muss sich mit festen Bildern, zu denen konstante Landkarten gehören, genauso befassen wie mit dem Phäno- men des Wandels. Es war sicher falsch, den Wandel so wenig zu beachten wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Aber es ist auch falsch, Landschaftswandel als ein grundsätzlich neues Phänomen anzusehen. Natur ist einem beständigen Wandel unterworfen. Wenn man sich mit dem Wandel befasst, wird klar, dass jede Landkarte nur eine Momentaufnahme ist. Man lernt dabei etwas Wesentliches über Landkarten: Sie müssen ständig aktualisiert werden, um der aktuellen Situation gerecht zu werden. Korrekturen werden beispiels- weise notwendig, wenn die neuen Schnellbahnen von Hamburg (31.3) und Dubai (163.3, 127.3) fertig gestellt sind, andere Bahnen stillgelegt, Autobahnen eröffnet oder Bergwerke aufgelassen werden. Auch Inseln könnten verschwin- den oder neu entstehen (nicht nur durch den Einfluss des Menschen). Fazit Bei der Aktualisierung von Atlanten kann jeder mithelfen (auch jeder Schüler!), und regelmäßig müssen neue Atlanten in Umlauf gebracht werden. Die Tatsa- che, dass sich die Öffentlichkeit des Wandels stärker bewusst wurde, fordert die Geographie heraus. Die Aktualisie- rung von Karten ist besonders kompli- ziert. Man könnte hier fordern, dass Karten nur noch im Internet verbreitet werden sollten, und zwar stets aktuali- siert. Doch das ist grundsätzlich nicht möglich: Unsere Erklärungen der Landschaften brauchen eine feste Basis, nämlich die gezeichnete oder gedruckte Karte. Wir benötigen dazu die Erkennt- nis, dass alles, was wir erklären, sich weiter entwickelt. ”Alles fließt”, das wussten bereits die alten Griechen, auch alles das, was einer Karte zugrunde liegt. Doch ohne Landkarten können wir auch den Wandel nicht erklären. Der Vergleich von Karten aus unterschiedlichen Zeiten ist die einzige exakte Basis für dessen Erfassung. Literatur: Küster, H.: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. C.H. Beck, München, 3. Auflage 1999. Natürlicher Landschaftswandel: Dieser Berg in Nordschweden war vor 8000 Jahren eine kleine Insel, die fünf Meter hoch aus der Ostsee aufragte. Nach dem Abschmelzen eiszeitlicher Gletscher steigt das Land auf, auch heute noch um mehrere Meter pro Jahrhundert. 5
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